Der Sand und der Strom – Mai-Geschichte

13. Mai 2010

Diese Geschichte erzähle ich vielen Klientinnen, die in die Laufbahnberatung kommen, weil sie „irgendwie“ unzufrieden sind und nach ihrer „wahren“ Identität suchen.

„Ein Strom, der von seiner Quelle hoch in den Bergen schon viele Landschaften durchquert hatte, erreichte eines Tages auch die Sandflächen der Wüste. Bis hierhin war es ihm gelungen, jedes Hindernis zu überwinden. So warf er sich mit Macht gegen die Sanddüne, mußte aber bald einsehen, dass – so sehr er sich auch bemühte – seine Wasser hoffnungslos im Sand versickerten. Tief in ihm aber war die Überzeugung, dass es seine Bestimmung sei, die Wüste zu durchqueren. Er war schon ganz verzweifelt, als er eine Stimme vernahme, die aus der Wüste selbst zu kommen schien: „Der Wind überquert die Wüste und das kann der Strom auch.“ Der Strom meinte, dass er ja alles versucht habe, der Wind könne es nur, weil er fliegen könne. „Wenn du dich hineinstürzt, kannst du es nicht schaffen, du musste dich vom Wind tragen lassen, dich dem Wind anvertrauen und dich von ihm aufsaugen lassen.“ Diesen Gedanken konnte der Strom nicht gut heißen. Er wollte seine Identität nicht verlieren. Würde er sie je wieder erlangen? Der Sand erklärte ihm, dass der Wind die Aufgabe habe, den Strom mitzunehmen und über die Wüste zu tragen. Danach ließe er ihn wieder fallen und daraus bildete sich erneut ein Strom. Der Strom fragte: „Kann ich nicht der gleiche bleiben, der ich bin?“ „Das ist unmöglich“, antwortete die Stimme. „Dein Wesentliches wird fortgetragen und bildet erneut einen Strom. Du wirst wieder so heißen wie vorher, da du nicht weißt, welcher Teil von dir der wesentliche ist.“ Auf diese Worte regte sich etwas tief in seinem Inneren. So ließ er sich vom Wind durch die Wüste tragen, fiel als Regen wieder zur Erde und bildete sich neu.

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