Spuren am Weg – nicht nur im Dezember

14. Dezember 2010

Es war einmal ein Vater, der zwei Söhne hatte. Je älter und gebrechlicher er wurde, desto mehr dachte er über sein Leben nach. Und manchmal kamen ihm Zweifel, ob er seinen Söhnen wohl das Wichtigste für ihr Leben weitergegeben hatte. Weil ihm diese Frage nicht losließ, beschloss der Vater seine Söhne mit einem besonderen Auftrag auf eine Reise zu schicken. Er ließ sie zu sich kommen und sagte: „Ich bin alt und gebrechlich geworden. Meine Spuren und Zeichen werden bald verblassen. Nun möchte ich, dass Ihr in die Welt hinaus geht und dort Eure ganz persönlichen Spuren und Zeichen hinterlasst.“ Die Söhne taten, wie ihnen geheißen und zogen hinaus in die Welt.

Der Ältere begann sogleich eifrig damit, Grasbüschel zusammenzubinden, Zeichen in Bäume zu schnitzen, Äste zu knicken und Löcher zu graben, um seinen Weg zu kennzeichnen. Der jüngere Sohn jedoch sprach mit den Leuten, denen er begegnete, er ging in die Dörfer und feierte, tanzte und spielte mit den Bewohnern.

Da wurde der ältere Sohn zornig und dachte bei sich: „Ich arbeite die ganze Zeit und hinterlasse meine Zeichen, mein Bruder aber tut nichts.“ Nach einiger Zeit kehrten sie zum Vater zurück. Der nahm dann gemeinsam mit seinen Söhnen seine letzte und beschwerliche Reise auf sich, um ihre Zeichen zu sehen.

Sie kamen zu den gebundenen Grasbüscheln. Der Wind hatte sie verweht und sie waren kaum noch zu erkennen. Die gekennzeichneten Bäume waren gefällt worden und die Löcher, die der ältere der beiden Söhne gegraben hatte, waren fast alle bereits wieder zugeschüttet.

Aber wo immer sie auf ihrer Reise hinkamen, liefen Kinder und Erwachsene auf den jüngeren Sohn zu und freuten sich, dass sie ihn wieder sahen und luden ihn zum Essen und zum Feiern ein.

Am Ende der Reise sagte der Vater zu seinen Söhnen: „Ihr habt beide versucht, meinen Auftrag, Zeichen zu setzen und Spuren zu hinterlassen, zu erfüllen. Du, mein älterer, hast viel geleistet und gearbeitet, aber deine Zeichen sind verblichen. Du, mein jüngerer, hast Zeichen und Spuren in den Herzen der Menschen hinterlassen. Diese bleiben und leben weiter.“

Quelle leider unbekannt aber auch gelesen bei Cordula Nussbaum keative-zeiten.over-blog.com

Das Buch „Das Ende ist mein Anfang“ über den Lebensweg des Journalisten Tiziano Terzani passt wundervoll zur heutigen Geschichte. Besonders das Zitat  „Das Land der Wahrheit kennt keine Wege“ regte mich zum Nachdenken an.

2 Reaktionen zu “Spuren am Weg – nicht nur im Dezember”

  1. Klothildeam 15. Dezember 2010 um 00:40 Uhr

    Toll, das ist endlich mal ein gut zu lesender Eintrag, mein Dank. Muss man sich nochmal in Ruhe durchlesen. Generell finde ich den Blog leicht zugaenglich.

  2. Andrea Mohram 15. Dezember 2010 um 11:18 Uhr

    Liebe Klothilde,
    danke für Ihr Lob. Das spornt mich an. Haben Sie ein Thema, das Sie interessiert? Mailen Sie mir gerne.
    Besinnliche Zeit. Ihre Andrea Mohr

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