Meine Rolle und ich

14. Juni 2011

Meine Tochter, die im kommenden Jahr ihr Abitur macht stellt sich heute die Fragen: Was soll ich beruflich machen? Was liegt mir, wo sind meine Talente? Gibt es eine Berufung? Wer bin ich überhaupt? Es wird einfacher, wenn die Schulzeit vorbei ist. Aber es geschieht nicht automatisch. Sie muss etwas dafür tun. Der Klassenkasper, das stille Mäuschen, der Streber, die Zicke, der Angeber – wenn man lange zusammen ist, zum Beispiel in einer Klasse, dann ist es schwer, aus seiner Rolle herauszukommen, wenn man sich in ihr unwohl fühlt. Wir sind alle viel abhängig davon, was andere von uns denken, als gut für uns ist. In der 10. Klasse wechselte meine Tochter von einer Mädchenschule in eine gemischte Schule. Sie konnte noch einmal neu anfangen, in einer Umgebung, in der sie keiner kannte – sie konnte sich neu ausprobieren. Eine reizvolle Chance.

Die Wahrheit ist auch: Viele von uns werden ihre Rolle nicht los. Wir haben uns dabei, und wenn wir wollen, dass etwas anders wird, müssen wir es anders machen. Wir rutschen nur zum Teil zufällig oder wegen der anderen in unsere Rollen. Zu einem großen Teil sind wir wegen uns selbst in den jeweiligen Rollen. Das gilt für junge Menschen genauso wie für uns. Wir reden nicht darüber, weil es schmerzhaft sein kann. Die Angst vor Demütigungen ist die Triebkraft für uns geworden. In der Schule, wie auch im Beruf und überhaupt im Leben. Meine Tochter macht sich Sorgen über die Zukunft, welchen Job sie ausüben wird und ob sie überhaupt einen Job findet, von dem man leben kann und der zufrieden macht. Ob etwas aus ihr wird. Dabei fallen mir Worte vieler Eltern ein: „Hauptsache aus dem Kind wird einmal was.“ Was soll „was“ bedeuten? Ein glücklicher Mensch, ein erfolgreiche Manager, eine gute Mutter/guter Vater, vertrauensvolle Freundin, sexy Geliebte(r), reich? Viele Eltern erwidern dann: „Unser Kind soll es einmal besser haben“. Ich finde, wenn Menschen über den Sinn ihres Lebens nachdenken und sich entwickeln wollen ist es immer besser! Meiner Tochter rate ich, nach dem zu suchen, was sie erfüllt, die Stunden des Tages mit dem zu füllen, was sie glücklich macht. Sollte sie sich nicht darauf freuen. Aber sie hat Angst, dass es nicht klappt. Wie wir alle, machen wir uns wenig Gedanken darüber, was eigentlich konkret nicht klappen könnte. Die Angst hat wenig mit Glück zu tun, sondern diffus damit „es nicht zu schaffen“, was eigentlich heißt – ein Versager zu sein (was immer das auch ist). Gedemütigt zu sein. Dagegen wappnen wir uns, wenn wir Rollen spielen – gegen etwas, das uns völlig egal sein sollte. Wir alle tun in unseren Jobs Dinge, von denen wir glauben, dass sie sinnlos sind, und wir sie nur tun, weil unser Chef oder Kunde sagt, dass wir es so machen sollen. Es fällt schwer, weil wir uns ein Leben lang so sehr gegen Demütigungen gewappnet haben. Wir empfinden es schon als Demütigung, wenn jemand unsere Idee nicht mag, an der wir lange gearbeitet haben, wenn der Lehrer unser Kunstprojekt schlecht bewertet.

Wir spielen weiter unsere Rolle, in der wir uns nicht wohl fühlen, anstatt uns darum zu kümmern, was uns selbst erfüllt, reagieren wir auf das, was andere vielleicht von uns denken. Vielleicht ist der Klassenkasper tatsächlich witzig. Aber wahrscheinlich ist er unsicher, ob er auf einem anderen Weg über Klamauk die Zustimmung und Aufmerksamkeit bekommt, die er sich wünscht. Dabei ist die wichtigste Zustimmung, die wir bekommen können, unsere eigene. Wenn wir uns okay finden, kann uns niemand mehr demütigen.

Wer mehr zu diesem Thema lesen möchte, dem empfehle ich das Buch „Werde das, was zu dir passt“ von Michalis Pantelouris. Ihnen wünsche ich die Rolle ihres Lebens.

6 Reaktionen zu “Meine Rolle und ich”

  1. Hilmaram 17. Juni 2011 um 21:37 Uhr

    Endlich mal ein informativer Eintrag, besten Dank. Muss man sich nochmal in Ruhe durchlesen. Generell finde ich die Seite gut zu lesen.

  2. Andrea Mohram 19. Juni 2011 um 10:13 Uhr

    Ich freue mich immer wieder über Besuche von männlichen Gästen auf meiner Seite. Vielen Dank Hilmar.

  3. Sabrinaam 5. September 2011 um 20:29 Uhr

    Hallo Andrea, das ist ein sehr schöner Beitrag!
    Gilt ja, um kurz auf deine Antwort auf Hilmer zurückzukommen, immer für alle, für Frauen und für Männer. Sich selbst zu erkennen und dann auch zu den eigenen Wünschen zu stehen, ohne immer zu versuchen, zu gefallen, das ist sehr schwierig.

    Oder um es mit dem Lehrer Mr Keating in dem Film Dead Poets Society zu sagen:
    „We all have a great need for acceptance, but you must trust that your beliefs are unique, your own, even though others may think them odd or unpopular, even though the herd may go, [imitating a goat] that´s baaaaaaaaad“

  4. Andrea Mohram 6. September 2011 um 10:14 Uhr

    Liebe Sabrina, schön, dass du wieder meinen Blog besuchst. Deine Kommentare schätze ich sehr. Ja, es ist harte Arbeit zu seinen Wünschen zu stehen und dauert oft ein Leben lang. Immer prüfen wir innerlich, was die anderen wohl dazu sagen mögen. Das Ziel ist wohl die Freiheit! Dir viel Kraft und weiter so! Liebe Grüße Andrea

  5. Martinam 14. November 2011 um 02:19 Uhr

    Hallo Andrea,
    bin als Männlein zufällig hier hin gekommen und lese daß Deine Tochter an einer ähnlichen Position steht wie ich seinerzeit ebenso. Zum Ende der Schulzeit hatte ich nen Wunsch nach Arbeit resultierend aus dem was ich vom Opa, vom Vater, vom Lehrer von den Vätern meiner Freunde gehört und mir gemerkt hatte, aber es ergab kein klares Berufsbild, wohl ein paar klare Bilder was ich auf keinen Fall werden wollte und/oder konnte. Ich bin zur ‚Berufsberatung‘ hab meine Interessen genannt und fand dann immernoch nichts wodran ich Lust haben könnte und ca. 40 Jahre arbeiten zu wollen, also erst mal zurück zu mir und überlegen was will ich was nicht, was brauche ich wodrüber würd ich mich freuen – ein paar Vorstellungsgespräche und Eignungstest später wurde das Bild klarer; ich wollte locker mit Menschen zusammenarbeiten, keine regelmäßige Fließbandarbeit und nicht täglich dasselbe, keinen Stallgeruch und auch sonst nicht nur eingesperrt sondern möglichst „frei sein“, verantwortungsvolle zuverlässige Arbeit mit Selbstentscheidung, Denken Haftung und Wiedererkennungsmöglichkeiten, bisschen Stolzmöglichkeit, viel Freude und Abwechslung Verantwortung und ein brauchbares regelmäßiges Gehalt von ca. ???? für Miete, Auto, Reisen Essen und Trinken, ach ja Kleidung Bücher Rauchen Urlaub = ganz schön viel. Nun denn nach der Ausbildung = Job weg, Arbeitsamt neuer Job, na so ähnlich nur etwas anders aber schon ähnlich noch ne Ausbildung jetzt schon sich zwei andere sich aber ergänzende, nach 11/2 Jahren wieder Arbeitsamt, neuer Job setzte mein Erlerntes voraus und brachte noch mehr Ausbildung da endlich für Jahre netter Chef, nette Kollegen Arbeit und pünktlich Geld auch für Urlaub und nen Christbaum, dann wieder Arbeitsamt nun aber selbstständig und nun ganz viel lernen und das ging auf einmal fast von alleine nur Frage stellen und Antwort merken, nächste Frage und … nach über 20 Jahren weiß ich genau was ich kann und was nicht, hab ne doofen Chef, kaum Urlaub, ne nette Frau die das ganze Elend mitmacht und mich immer wieder lieb aufbaut und sich übers Geld freut und oftmals mit zur Arbeit fährt, durch schöne Gegend, nette Sache gucken, manchmal auch kaufen, einkaufen, lecker essen und nen treibenden, nörgelnden Chef.
    Ich bin vereidigter Sachverständiger für Schäden an Gebäuden und Wertgutachten, treffe einmal jährlich für 3 Tage meist nette Kollegen so ca. 1.000 – 1.200, die man fragen kann, wenn man es nicht selbst weiß und so wirds noch ca. 10 Jahr weitergehen und dann soll Ruhe einkehren, hab noch nen paar Ziele wo ich noch hin will. Tja hab meinen Beruf gefunden durch offene Augen und Ohren, lerne ständig andere Menschen kennen arbeite oftmals auf noch unbekannten Feldern hab die Abwechslung, den Erfolg manchmal auch das Geld und manchmal auch die Geduld auf den rechten Moment zu warten und eigentlich den für mich richtigen Beruf mit viel Abwechslung keiner Langeweile aber viel vermeidbarem Stress – das konnte mir keine Berufsberatung bieten aber ich kenne mich jetzt viel besser und freue mich jeden Tag mit dem Erlernten was Gutes tun zu können, ich töte keine Menschen, Tieren und/oder Pflanzen mach die Welt kaum kaputt und denke abends was gutes und richtiges getan zu haben.
    Ich wünsch der Tochter auch den Mumm zum suchen zu haben auf Menschen zu treffen die helfen können/wollen und so den Job ihres Lebens zu finden.

    Glück auf, der Globus ist meist schön, wenn nur einige Menschen nicht wären.

  6. Andrea Mohram 14. November 2011 um 20:11 Uhr

    Lieber Martin, ich danke dir für diesen intensiven Beitrag. Der Weg zum Job ist immer auch ein Weg zur eigenen Persönlichkeit. Wir sollten Geduld haben und den Mut in uns selbst hinein zu hören, so wie du es getan hast. Für die nächsten Jahre wünsche ich dir offene Augen und Ohren für dich und deine Kunden. Es grüßt dich herzlich
    Andrea

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