Das Geheimnis von Lanzelot

28. Februar 2012

Lanzelot ist ein Schwertkämpfer, der sein Leben damit bestreitet, auf Marktplätzen seine Kampfkunst vorzuführen. Weil er für sein Spektakel einen Gegner braucht, setzt er einen Preis aus für den, der es schafft, ihn zu besiegen. Die Zuschauer versammeln sich um Lanzelot, und es dauert nicht lange, da stellt sich ein großer, stämmiger Kerl der Herausforderung. Es folgt ein heftiger, aber kurzer Kampf. Nach wenigen Schlägen hat Lanzelot seinen Gegner entwaffnet.

Der Goliath schaut ihn verblüfft an. „Was ist dein Geheimnis?“, will er wissen. „Was muss ich tun, um so kämpfen zu können wie du?“

Lanzelot hält einen Moment inne. Die Menge wird still. Dann schaut er dem Kämpfer in die Augen und sagt mit fester, ruhiger Stimme: „Drei Dinge. Erstens: Du musst deinen Gegner ganz genau beobachten. Du musst verstehen, wie er sich bewegt – und du musst ahnen, was er denkt.“Der Kämpfer lächelt: „Hmm, das kann ich.“

„Gut. Zweitens: Du musst den kampfentscheidenden Augenblick abwarten – und dann zuschlagen.“

Der Kämpfer nickt zuversichtlich. „Ja, gut, das kann ich lernen.“

„Okay. Und Drittens: Du musst bereit sein zu sterben.“

Der Kämpfer macht große Augen.

„Ja, du hast schon richtig gehört. Dir muss zu jedem Zeitpunkt vollkommen egal sein, ob du lebendig oder tot aus dem Kampf hervorgehst.“

Der Gesichtsausdruck des Besiegten ist ein einziges großes Fragezeichen. Aber Lanzelot hat schon alles gesagt. Er dreht sich um und verschwindet in der Abendsonne.

Kennen Sie diese Szene aus der Hollywoodproduktion „Der erste Ritter“ mit Richard Gere als Lanzelot. Sie kam mir in den vergangenen Tagen, als ich den newsletter von Hermann Scherer las, wieder in den Sinn. Was bedeutet heutzutage Lanzelots Einstellung?

Ja, es nicht mehr um das physische Sterben, um das Kämpfen Eisen gegen Eisen, um Ruhm in der Schlacht, Ehre im Turnier und Ritterlichkeit im Dienste der Königin – sondern um das Prinzip dahinter.  Für mich bedeutet das übertragen: Eine Entscheidung treffen, dazu stehen und diese durchzuziehen. Etwas, was wir heutzutage dringend brauchen!

Und wie kann ich eine Entscheidung treffen. Sie merken, ich vermeide es zu schreiben, eine „richtige“ Entscheidung, denn hierbei gibt es keine richtigen oder falschen Entscheidungen, selbst sich nicht zu entscheiden, ist eine Entscheidung. Ich ermutige meine Klientinnen stets aus zwei Möglichkeiten zu wählen. Oft ist es ja so, dass wir immer wieder Argumente für und gegen diese oder jene Möglichkeit einbringen. Die „2-Stuhl-Methode“ ist hervorragend geeignet. Versuchen Sie es doch gleich selbst einmal.

Man stellt zwei Stühle einander gegenüber und definiert welcher Stuhl für welche Lösung/Möglichkeit stehen soll.

Dann bitte ich die Klientin sich auf den einen Stuhl zu setzen und Argumente, die für diese Möglichkeit sprechen, aufzuzählen. Wenn Argumente zur anderen Möglichkeit kommen, soll sie den Stuhl wechseln.

Als Beraterin achte ich darauf, dass der Stuhlwechsel beim Argumentenwechsel auch wirklich vollzogen wird. Hier müssen Sie im Selbstversuch kritisch sein.

In der Regel bleibt die Klientin auf dem Stuhl sitzen, der für die Möglichkeit steht, für die sie sich innerlich schon entschieden hat.

Viel Erfolg und jetzt verschwinde ich in der Abendsonne.

Eine Reaktion zu “Das Geheimnis von Lanzelot”

  1. Sabrinaam 12. März 2012 um 23:00 Uhr

    Hallo Andrea, die Stuhlübung ist interessant und ich habe noch ein Gleichnis (nicht gegendert fürchte ich, aber eben ein Gleichnis;)) für Geduld, wenn Lösungen mal etwas länger brauchen:
    Geduld

    „Es war einmal ein junger Bauer, der wollte seine Liebste treffen. Er war ein ungeduldiger Geselle und viel zu früh gekommen. Und verstand sich schlecht aufs‘ Warten. Er sah nicht den Sonnenschein, nicht den Frühling und die Pracht der Blumen. Ungeduldig warf er sich unter einen Baum und haderte mit sich und der Welt. Da stand plötzlich ein graues Männlein vor ihm und sagte: Ich weiß, wo dich der Schuh drückt. Nimm diesen Knopf und nähe ihn an dein Wams. Und wenn du auf etwas wartest und dir die Zeit zu langsam geht, dann brauchst du nur den Knopf nach rechts zu drehen, und du springst über die Zeit hinweg bis dahin, wo du willst. Er nahm den Zauberknopf und drehte: und schon stand die Liebste vor ihm und lachte ihn an. Er drehte abermals: Und saß mit ihr beim Hochzeitsschmaus. Da sah er seiner jungen Frau in die Augen: Wenn wir doch schon allein wären…Wenn unser neues Haus fertig wäre…Und er drehte immer wieder. Jetzt fehlen uns noch die Kinder und drehte schnell an dem Knopf. Dann kam ihm neues in den Sinn und konnte es nicht erwarten. Und drehte, drehte, daß das Leben an ihm vorbeisprang, und ehe er sich’s versah, war er ein alter Mann und lag auf dem Sterbebett. Und merkte, daß er schlecht gewirtschaftet hatte. Nun, da sein Leben verrauscht war, erkannte er, daß auch das Warten des Lebens wert ist. Und er wünschte sich die Zeit zurück.“
    Heinrich Spoerl (1887-1955), dt. Schriftsteller

    Denn Konfuzius sagt: „Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern.“

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