Ent-täuschung

8. April 2012

Wann waren Sie das letzte Mal enttäuscht? Von was oder von wem und warum?

„Und ich habe mich so gefreut!“, sagst du vorwurfsvoll, wenn dir eine Hoffnung zerstört wurde. Du hast dich gefreut – ist das nichts?“

In dem Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach wird deutlich, dass Enttäuschung immer etwas mit unseren Erwartungen zu tun hat. Wir erwarten mehr oder etwas anderes und wenn wir das nicht bekommen oder etwas anderes eintritt, sind wir enttäuscht.

Betrachten Sie das Wort genauer: Ent-täuschung – das Ende der Täuschung?

So sieht es auch die Künstlerin Inga Scharf da Silva in ihrem Bild

Bildtext: Die Enttäuschung ist das Ende einer Täuschung – sowohl mit der unmittelbaren Umgebung, die mit einer Normalität der Gesundheit weiterleben will und keine Infragestellung duldet, als auch mit der eigenen Lebenslüge, jemand anders sein zu wollen als nur sich selbst.

Bildbeschreibung: Eine schwarz gekleidete Frau gießt Wasser aus einem großen Glas in einen Krug. Dabei hält sie die Augen geschlossen, weil sie Kraft aus ihrem eigenen Inneren schöpft. Die wie eine Performance gemalte Szene thematisiert das Zurückfließen der Lebensenergie nach schwerer Krankheit, daher sind im Hintergrund gelbe Lichtstrahlen und einer erneuter Rahmen sichtbar.

Mir hilft das Wortspiel dabei, das Gefühl der Enttäuschung nicht zu stark werden zu lassen. Nur weil ich etwas so will, bedeutet es ja nicht, dass es auch eintreffen muss. Und was will mein Gegenüber, empfindet er/sie die gleiche Enttäuschung, wenn es anders geschieht? Und was passiert in mir, wenn ich gesundheitlich nicht voll funktionstüchtig bin? Bin ich enttäuscht, dass mein Körper nicht stillschweigend läuft?

Enttäuschungen kommen aus „unreifen“ Erwartungshaltungen?!

Wenn wir etwas erwarten, dann haben wir das Gefühl, ein Recht auf eine Sache zu haben. Manche Erwartungen basieren auf Versprechen anderer – aus denen könnte man ein gewisses Recht auf Einhaltung ableiten, aber was, wenn das Versprechen nicht gehalten wird? Ein Versprechen ist eine klare Zusage, aber wie oft leiten wir Erwartungen aus Annahmen oder Möglichkeiten ab. Aus Gewohnheiten, weil etwas „üblich“ ist, oder aus unserem eignen Verhalten heraus. Erwartungen, die wir an Personen stellen ohne klar darüber zu sprechen. Und dann reagieren wir sauer, wenn sie die – nicht einmal offen formulierten – Erwartungen nicht erfüllen.

Prüfen Sie doch einmal, ob ihre zerstörten Hoffnungen viel mit Ihren Erwartungen zu tun haben. Wie gerechtfertigt sind diese Erwartungen? Und wenn wir uns das Zitat noch einmal in Erinnerung rufen, dann sind wir sauer auf das was wir nun nicht haben, aber von dem wir ursprünglich positive Gefühle zuschrieben. Das ist doppelt schmerzhaft.

Künstlerin Inga Scharf da Silva, geboren 1971 in Berlin, Doktorandin der Ethnologie, verheiratet, 1 Kind, seit 2007 drei schwere, chronische Erkrankungen mit nachfolgenden Chemotherapien  sagt:

Über die Kunst:
Kunst ist die Sichtbarmachung des Unsichtbaren.

Lebensmotto:
„Indem wir nichts ernst nehmen und unsere Empfindungen als die einzig gewisse Wirklichkeit betrachten, finden wir bei ihnen Zuflucht und erforschen sie wie große unbekannte Länder.“  Aus: Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe

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