Januar-Geschichte

12. Januar 2010

Ich liebe die verborgene Weisheit von Märchen, Metaphern und Sagen. Daher möchte ich jeden Monat eine Geschichte vorstellen, die zum Nachdenken anregen soll. Anregungen dazu hole ich mir gerne von Waltraud Trageser.
Erkennen Sie ein Thema in dieser Geschichte? Was verbinden Sie damit? Welche Gedanken oder Assoziationen wecken diese Zeilen in Ihnen. Schreiben Sie mir – in diesem Forum oder auch gerne an meine persönliche E-Mail Adresse.

Die Januar-Geschichte:
„Schlaf doch bitte, morgen ist auch noch ein Tag“, stöhnte eine Frau, nachdem sich ihr Mann hundertmal im Bett sorgenvoll von einer Seite auf die andere geworfen hatte. „Wenn du so unruhig bist, kann ich auch nicht schlafen.“
„Ach Frau“, jammerte der Ehemann, „wenn du meine Sorgen hättest. Vor Monaten habe ich einen Wechsel unterschrieben, und morgen ist dieser Wechsel fällig. Ich Ärmster! Du weißt, dass ich keinen Groschen im Hause habe, und du weißt auch, dass unser Nachbar, dem ich das Geld schulde, giftiger sein kann als ein Skorpion, wenn es um sein Geld geht. Ich Ärmster, wie könnte ich denn schlafen.“ Daraufhin warf er sich wieder zehnmal von einer Seite auf die andere.
Alle Versuche seiner Frau, ihn zu beruhigen und ihm den Sand des Schlafes in die Augen zu streuen, schlugen fehl. Sie versuchte, ihn zu trösten: „Warte bis morgen, dann werden die Dinge ganz anders aussehen, und vielleicht finden wir doch noch einen Weg, das Geld zu bezahlen.“
„Nichts, aber auch gar nichts nützt“, stöhnt der Mann. „Alles ist verloren.“
Da verlor die Frau die Geduld. Sie ging auf den Dachgarten und schrie zu dem Nachbarn hinüber: „Ihr wißt, mein Mann schuldet euch einen Wechsel, der morgen fällig ist. Ich will euch etwas sagen, was ihr noch nicht wisst. Mein Mann kann morgen den Wechsel nicht bezahlen.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte die Frau ins Schlafgemach und sagte: „Wenn ich nicht schlafen kann, soll mein Nachbar auch nicht schlafen.“ Trotzig legte sie sich ins Bett, während ihr Mann das Leinentuch bis hoch über die Ohren gezogen hatte und ängstlich mit den Zähnen klapperte. Bald darauf war Ruhe eingetreten und nichts mehr war zu hören, als der gleichmäßige Atem der beiden Eheleute.

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben