Kennen Sie die androgyne Kompetenz

9. Februar 2010

Bevor ich das Rätsel löse, stelle ich Ihnen die Frage: Wäre die schicksalsträchtige Bank Lehman Brothers auch vor die Hunde gegangen, hätte sie Lehman Sisters geheißen? Frauen sagen dazu eindeutig Nein. Die Finanzkrise wäre glimpflicher ausgegangen, würden mehr Frauen Banken und Firmen führen. Männer sagen: Das gleiche wäre Frauen auch passiert, weil sie sich dem männlichen „Gehabe“ in Führungspositionen angepasst hätten. Was meinen Sie dazu?
Beweise liefert das National Council for Research on Women: Frauen meiden volatile Investitionen. Sie planen lang- statt kurzfristig und wägen mehrere Faktoren gegeneinander ab. Je mehr Frauen im Management einer Firma sitzen, desto geringer fällt der Aktienkurs. Andrea Goll, Personal- und Kompetenzentwicklerin GTZ, bestätigt, dass sogar Finanzhilfen (Mikrokredite) vermehrt auf Frauen in Entwicklungsländern zielen. „Die Gelder werden nachhaltiger investiert, Saatgut gekauft oder Schulgebühren bezahlt, während Väter und Männer es lieber verprotzen. Schauen Sie sich die Bilder aus Haiti an. Frauen tragen Säcke Reis auf dem Kopf und sichern so die Versorgung. Frauen stehen in Gruppen füreinander ein und tragen gemeinsam Verantwortung.“
Auch Arbeitgeber wollen Führungskräfte, die sich nicht nur für Arbeit, Karriere und typische Männer-Hobbies interessieren. Führungskräfte sollen Empathie, Umsicht und Fürsorge lernen. Bernd Schmid, Institut für Systemische Beratung, nennt in diesem Zusammenhang den „Rennfahrer-Modus“ ausschalten, damit Männer ihre Kisten und Existenzen nicht länger an die Wand fahren. Herr Schmid weiter: „Für Männer heißt androgyne Kompetenz mehr Spielräume lassen, auf Menschen achten und durch Umsicht Situationen, die „Helden“ brauchen, gar nicht erst entstehen lassen.“
Ob Unternehmen die dafür notwendigen Lernprozesse auch ernsthaft unterstützen ist eine andere Frage.
Und was will Frau? Den Familienfürsorger? Sicher kein Zufall, dass Männer nur zu 2% in Teilzeit tätig sind, Frauen jedoch zu 16%. Können Sie sich den Dax-Vorstandsvor-sitzenden mit einer Halbtagsstelle vorstellen?
Es gibt sehr wohl einige Frauen in den Chefetagen. Bernd Schmid nennt sie ketzerisch „Männerklon“. Also doch die Anpassung an das männliche „Gehabe“ um zu überleben? Ich bin da eher Carl Gustav Jungs psychologischer Meinung, dass zur menschlichen Reifung die Integration männlicher und weiblicher Seelenqualitäten notwendig ist. Zumindest in der zweiten Lebenshälfte gelten Vollständigkeit der Lebenserfahrungen und androgyne Kompetenzen mehr als die Vervollkommnung von Einseitigkeiten. Und einen Vorteil haben androgyne Kompetenzen noch: Nach einer kürzlich erschienen Studie leben Väter deutlich länger, die sich in Fürsorge der Kinder beteiligen und Mütter, die sich auch beruflich entwickeln.

2 Reaktionen zu “Kennen Sie die androgyne Kompetenz”

  1. Sabrinaam 12. Februar 2010 um 22:15 Uhr

    Hallo Andrea,

    auf die Frage, ob es die Bankenkrise so nicht gegeben hätte, wenn die Bank Lehmann Sisters heißen würde, habe ich instinktiv mit einem Kopfnicken geantwortet.
    Denn wie es die Schriftstellerin Irmtraud Morgner mal so
    schön ausdrückte: „Der schlimmste Fehler von Frauen
    ist ihr Mangel an Größenwahn“.
    Ich stimme aber dem Ende deines Blogeintrags zu, da ich denke, dass es typisch männliche oder weibliche Eigenschaften so nicht gibt, oft sind sie gesellschaftlich konstruiert. Anzuführen, dass Frauen in Führungsrollen „vermännlichen“ rührt einfach aus der Erziehung der Leute her, die Illusionen erschafft, dass es so etwas wie männliches Potenzgehabe und weibliches Zurückhalten gibt. Ich glaube daran nicht. Jeder Mensch trägt beide Anteile in sich und
    sowohl Frau als Mann sollte sich das eingestehen.
    Vielleicht wäre die Bankenkrise dann wirklich nicht so vonstatten
    gegangen, wer weiß, möglich wäre es ja. Was nämlich wichtig ist, auch in Bezug auf die Bankenkrise, sowohl für Frau als auch Mann, ist der Wille zur Veränderung-und das Wissen, dass der Mensch jederzeit dazu fähig ist, wenn sie oder er denn will.

    Und vielen Dank für diese tolle Seite, ich schau gerne öfter vorbei!

  2. Jan Zierock ISBam 19. Februar 2010 um 16:25 Uhr

    Verehrte Leser,

    hier der Link zum oben zitierten Blog von Bernd Schmid:

    http://www.systemische-professionalitaet.de/berndschmid/bernd-schmids-blog/blog-41-androgyne-kompetenz-von-bernd-schmid-05.02.2010.html

    Herzliche Grüße vom Institut für systemische Beratung

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